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frings. Das Misereor-Magazin 1/2023: Wofür es sich zu kämpfen lohnt.

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Wofür es sich zu kämpfen lohnt: Ein Heft über Demokratie und Menschenrechte. www.misereor.de/magazin

INTERVIEW

INTERVIEW Misereor-Geschäftsführer Thomas Antkowiak im Gespräch mit WDR-Moderatorin Steffi Neu über Fairen Handel, Freiwilligendienst und die Arbeit in der katholischen Kirche Foto von Klaus Mellenthin Steffi Neu: Was erzählen Sie, wenn Sie jemand fragt: Was machen Sie eigentlich beruflich? Thomas Antkowiak: Dass ich für Misereor arbeite, dass wir als größtes katholisches Entwicklungshilfswerk Menschen unterstützen, die in Armut leben und uns dafür einsetzen, dass sie ihre Rechte einfordern und ihre eigenen Ideen umsetzen können. Und was sagen Sie, wenn dann der Vorwurf kommt: „Ihr steckt ja alles in die Verwaltung“? Ich erkläre dann, wie sich unsere Kosten für Verwaltung und Werbung zusammensetzen: Sie wollen eine Spendenquittung haben. Wer schreibt die? Wer verschickt sie? Wer bezahlt das Porto? Möglicherweise haben Sie Interesse, Informationen über das Projekt Wir merken, wie sehr wir die Ideen von jungen Erwachsenen brauchen zu bekommen, das Sie zweckgebunden unterstützen? Sie möchten einen Rechenschaftsbericht? Alles das kostet Geld. Der Anteil an Verwaltungs- und Werbekosten liegt bei uns etwa bei sechs Prozent. Für das DZI, das in Deutschland den Einsatz von Spendengeldern überprüft und das „Spendensiegel“ vergibt, liegen wir mit diesem Prozentsatz im niedrigen Bereich. Sie verantworten ein Finanzvolumen von fast 250 Millionen Euro mit. Woher kommt das Geld? Wir erhalten den größten Anteil über die Katholische Zentralstelle für Entwicklungshilfe, ungefähr 200 Millionen Euro. Diese Zentralstelle bekommt das Geld wiederum aus staatlichen Mitteln für Entwicklungszusammenarbeit. Diese Mittel können wir entsprechend den BMZ-Richtlinien in eigener Verantwortung ausgeben. Dies ist seit über 60 Jahren eine bewährte Form der Zusammenarbeit mit dem Staat. Die staatlichen Institutionen vertrauen bis heute darauf, dass die weltweit präsenten Kirchen um die Probleme vor Ort Bescheid wissen. Der übrige Anteil unseres Finanzvolumens stammt zum größten Teil aus Spendengeldern sowie aus kirchlichen Mitteln. 40 EINS2023

Die Ressourcen der Welt sind ungerecht verteilt: Das ist eine der Kernaussagen von Misereor. Kriegen wir das jemals in den Griff? Ich hoffe es. Auch wenn ich mir unter den gegenwärtigen Bedingungen nur schwer vorstellen kann, dass wir in absehbarer Zeit sagen werden: Unser Job ist erledigt und wir können den Laden zumachen. Aber ist der Faire Handel nicht eine „Schraube“, mit der sich daran etwas drehen lässt? Ja, das ist eine wesentliche Stellschraube. Deshalb ist es so wichtig, dass das Fair-Handelshaus GEPA, zu deren Gesellschaftern auch Misereor zählt, seine Produkte wie Tee, Kaffee oder Schokolade in den Einzelhandel bringt. Damit klar wird, dass Entwicklungszusammenarbeit nichts Abstraktes ist, sondern zu einer Erfahrung wird, die man beim Essen und Trinken macht, und die für jeden offensteht. Wenn es selbstverständlicher wird, bei der Herstellung von Produkten darauf zu achten, dass es zum Beispiel keine Kinderarbeit gibt und die Leute gerechte Löhne bekommen – dann ändert sich etwas an der ungerechten Verteilung. Ändern Freiwilligendienste auch etwas am Blick auf globale Gerechtigkeit? Definitiv. Deshalb war Misereor von Anfang an dabei. Gemeinsam mit anderen Organisationen haben wir am Konzept des weltwärts-Programms mitgewirkt und es weiterentwickelt. Ich sehe darin eine Gelegenheit, jungen Menschen unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern Lernerfahrungen zu ermöglichen, die ihren Blick auf die Welt und ihre Rolle darin verändern können. Sie reisen als Jugendliche aus und kommen als Erwachsene mit einem ganz anderen Hintergrund zurück. Wie wichtig sind denn umgekehrt die jungen Freiwilligen für Misereor? Extrem wichtig, weil wir merken, wie sehr wir die Ideen von jungen Erwachsenen brauchen. Beim Freiwilligendienst gibt es eine intensive Arbeit mit den Rückkehrenden. Sie entwickeln oft eigene Ideen und Aktivitäten und geben Impulse. Daran anzuknüpfen sehen wir als Chance, sie auch langfristig an diesen Fragen wirklich zu beteiligen, die uns umtreiben. Thomas Antkowiak ist seit 2006 Vorstandsmitglied von Misereor und verantwortlich für Finanzen, Verwaltung und Personal sowie für die Belange des Fairen Handels und des Entwicklungspolitischen Freiwilligendiensts. Mitte des Jahres verlässt Thomas Antkowiak Misereor und geht in den Ruhestand. Steffi Neu ist Redakteurin und eine bundesweit bekannte Radiostimme als Moderatorin im WDR, wo sie regelmäßig die Sendungen Westzeit und WDR 2 am Samstag moderiert. Sie lebt mit ihrer Familie in Uedem am Niederrhein. Die katholische Kirche ist aktuell umstritten. Wie wirkt sich das auf Misereor aus? Wir merken, dass sich viele schwertun mit der Institution Kirche, mit einzelnen Verantwortlichen in der Kirche. Viele hadern mit der Kirche, weil sie sehen, dass es bei den Missbrauchsthemen, der Aufarbeitung und dem Umgang mit den Betroffenen nicht wirklich weitergeht. Ich habe für Misereor am Gesprächsformat des Synodalen Weges der katholischen Kirche teilgenommen, um gemeinsam mit der Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der Katholiken an den Ursachen zu arbeiten: der mangelnden Beteiligung von Frauen, dem Klerikalismus, der Rolle der Priester und der Verteilung von Macht. Finden Sie das Format erfolgsversprechend? Wir haben Beschlüsse gefasst, um die Dinge zu verändern. Jetzt kommt es darauf an, ob die Bischöfe in Deutschland den Mut haben weiterzumachen, trotz Roter Karte aus Rom. Ich ärgere mich darüber, weil ich glaube, dass viele bis hin zum Papst nicht verstehen, dass wir hier nicht Kirchenspaltung betreiben, sondern die Dinge zum Positiven verändern wollen. EINS2023 41

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