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frings. Das Misereor-Magazin 2/2022: Mut finden.

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Mut finden: Ein Heft über das Hinfallen, Aufstehen und Weitermachen. www.misereor.de/magazin

Wer sein Land verlässt,

Wer sein Land verlässt, muss es nicht aufgegeben haben. Von Menschen, die in Afghanistan von Deutschland aus helfen. Text von Markus Düppengießer Fotos von Gudrun Petersen Nach zwei Jahren Coronapause endlich wieder Multikulti-Fest in Aachen. Mitten im Kennedypark haben Mitglieder des Würselener Sportvereins für heute einen Volleyballplatz angelegt. Am Essensstand nebenan werden schmackhafte afghanische Spezialitäten gereicht. Trainer Asam Mir pritscht Schafiqullha Ahmadzai entspannt den Ball zu. So entspannt war Ahmadzais Leben nicht immer. Der 19- Jährige wuchs in Afghanistan auf. 2019 kam er nach Deutschland, wird er uns später berichten. Sein Bruder war früher beim Militär. Die Taliban wollten ihn zur Zusammenarbeit zwingen. Er weigerte sich, da fiel die ganze Familie in Ungnade. Die beiden Söhne beschlossen zu fliehen. Der Bruder landete in Rumänien, sitzt dort nun im Gefängnis. Ihn selbst hat die sechsmonatige Flucht nach Deutschland geführt. An der Grenze zum Iran sei er beschossen worden, erzählt Ahmadzai, in Bulgarien war er zwei Monate lang in Haft. Polizisten hetzten die Hunde auf ihn, nach Schlägen gegen den Kopf hat er heute Probleme mit dem Hören. 38 ZWEI2022 13.000 US-Dollar hat er Schleuserbanden bezahlt. In einem Land, in dem Lehrer 100 Dollar im Monat verdienen, eine hohe Summe. Für ihn dennoch eine Investition, die sich gelohnt hat. Weil er es so geschafft hat. Afghanen wie er, die sich auf den Weg nach Deutschland machen, rechnen sich gerade einmal eine einprozentige Chance aus, ihr Ziel zu erreichen, sagt Ahmadzai: „Zu 99 Prozent haben sie den Tod schon angenommen.“ Trotzdem gehen sie das Risiko ein, die Verzweiflung ist zu groß. Sie sehen dort einfach keine Zukunft für sich. Die Ansichten eines jungen Mannes. Was aber denkt erst eine junge Frau, die qua Geschlecht in ihrer Heimat noch schlechtere Chancen hat und stärker von Unterdrückung bedroht ist – erst recht, nachdem die Taliban nun vollends die Macht übernommen haben? Darüber haben wir mit Hosai gesprochen. Die 30-Jährige heißt anders, den echten Namen verschweigen wir, um sie und ihre Familie zu schützen. Ihre Flucht nach Deutschland war anders dramatisch. Sie gehörte Ende 2021 zu den letzten, denen die Bundesregierung einen Platz auf einem Ausreiseflug für Ortskräfte gab. In Afghanistan hatte sie als Menschenrechtlerin politische Repressalien zu be- Im Jahr 2019 ist Schafiqullha Ahmadzai nach Deutschland geflüchtet, fürchten. Trotz allem sei ihr der Abschied extrem schwergefallen, sagt sie: „Ich musste zwei weil seine Familie bei den Taliban in Ungnade fiel Mütter verlassen: die Mutter, die mir das Leben geschenkt hat, und das Land, das wie eine Mutter für mich ist.“ Ist, nicht war. Nach wie vor setzt sie sich mit aller Kraft für die Heimat ein, auch von Deutschland aus. „Dass ich das weiterhin tun kann, macht mich unglaublich stolz. Es gibt mir Tag für Tag positive Energie.“ Manchmal glaubt sie zwar noch immer, es sei nur ein Alptraum, dass die Im Mannschafts- Islamische Republik Afghanistan innerhalb so kurzer sport funktioniert Integration einfach besser

Asam Mir unterstützt seine Landsleute bei der Integration durch Behördengänge und Übersetzungen Zeit zusammenbrach und all die Errungenschaften verloren sind, die insbesondere die Frauen für die Frauen erarbeitet haben. Doch dann wird ihr klar: „Afghanistan ist um ein Jahrhundert zurückgeworfen worden“ – also krempelt sie wieder die Ärmel hoch. Hosai arbeitet in leitender Position für ein Projekt, das Misereor gemeinsam mit dem britischen Hilfswerk CAFOD finanziert. Man hat sie bei der Ausreise unterstützt und ihr eine kleine Dachwohnung in Aachen besorgt. Von hier aus betreut sie die Arbeit der Projektbeteiligten am Hindukusch weiter, das meiste ist online möglich. Nachmittags besucht sie einen Deutschkurs. Nirgendwo steht geschrieben, dass Frauen sich den Männern zu unterwerfen haben Bei ihrer Arbeit geht es um nachhaltige Landwirtschaft. Wichtig für ein Land, in dem 98 Prozent der Einwohner*innen zu wenig Essen haben, so Anna Dirksmeier, Misereor-Länderreferentin für Afghanistan. Mindestens ebenso wichtig ist das zweite Ziel: Frauen stärken. „Neben einer rhetorischen Schulung lernen sie bei uns eine fortschrittliche Interpretation des Koran. Um die selbsternannten Gotteskämpfer mit den eigenen Waffen schlagen zu können. Nirgendwo steht geschrieben, dass Frauen sich den Männern zu unterwerfen haben.“ Afghanische Landsleute von Deutschland aus unterstützen, das macht auch Asam Mir, der Volleyballtrainerder, der entspannt Bälle pritscht. Er hat eine bekannte Tochter: Re- becca Mir, Model und TV-Moderatorin. Der 67-Jährige kam 1978 nach Deutschland, kurz vor dem sowjetischen Einmarsch. In Aachen Volleyball hat eine soziale Komponente. Spieler aus vielen Ländern trainieren mit, auch aus Afghanistan. gründete er das Afghanistan-Komitee. Um aufzuklären, wie die Situation in seiner Heimat ist, und um humanitäre Hilfe zu organisieren. Heute hilft der Verein etwa bei Behördengängen und Übersetzungen; man unterstützt die, die in Deutschland studieren wollen, aber kein Deutsch sprechen – ein Problem, das Mir aus eigener Erfahrung kennt. Auch der Volleyball hat eine soziale Komponente. Spieler aus vielen Ländern trainieren mit, besonders viele aus Afghanistan. Mir: „Im Mannschaftssport funktioniert Integration einfach besser. Deutsch lernen sie auch viel schneller.“ Highlight im Veranstaltungskalender des Würselener Sportvereins ist übrigens ein internationales Mixed-Volleyballturnier. Spielerinnen und Spieler aus vielen Ländern treten gegeneinander an. In diesem Jahr fand das Turnier wieder statt. Nach zwei Jahren Coronapause. Gudrun Petersen lebt in Aachen und arbeitet seit 25 Jahren als Bildjournalistin und freie Fotografin für verschiedene Agenturen, Magazine und Verlage. Ihre Referenzliste reicht von der VOGUE über DIE ZEIT, den MERIAN, arte, ARD und ZDF bis zu Landmagazinen. Sie ist auf Reportage und Porträt spezialisiert und hat bereits verschiedene Bildbände veröffentlicht. ZWEI2022 39

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