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frings. Das Misereor-Magazin 2/2022: Mut finden.

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Mut finden: Ein Heft über das Hinfallen, Aufstehen und Weitermachen. www.misereor.de/magazin

Millionen Freiwillige

Millionen Freiwillige haben sich weltweit zu Gruppen zusammengeschlossen, um für eine Begrenzung des Wirtschaftswachstums zu kämpfen und unsere Erde zu schützen Es ist schön, sich zu entwickeln und größer zu werden. Pflanzen entfalten dabei grüne Blätter und duftende Blüten, kleine Menschen wachsen heran und lernen jeden Tag dazu. Ideologen des ewigen Wirtschaftswachstums nutzen diese positiven Erfahrungen biologischen Wachstums und verkünden, die Wirtschaft könne auch nur so funktionieren: Sie müsse ewig weiterwachsen, sonst drohten Rezession, Armut, Untergang der Menschheit. Sie vergessen dabei, dass bei allen lebendigen Kreaturen irgendwann Schluss ist mit dem Wachstum. Bäume wachsen nicht in den Himmel. Tiere auch nicht. Und auch Menschen sind irgendwann erwachsen und entwickeln sich dann hauptsächlich nach innen weiter – hoffentlich jedenfalls. Vor 50 Jahren rüttelte die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ die Menschen überall auf der Welt auf. Die Botschaft der Studie war unmissverständlich: Die menschliche Zivilisation wird kollabieren, wenn wir weiter exzessiv in den Tiefen der Erde herumwühlen, um Öl, Kohle, Gas, Metalle und weitere Ressourcen herauszuholen und sie zu verbrauchen, zu verbrennen und in Müll zu verwandeln. Kritiker*innen behaupteten sogleich, das Autor*innenteam habe falschgelegen. Rohstoffe seien noch länger vorhanden oder könnten durch andere Ressourcen ersetzt werden. Doch spätere Studien bestätigten die Erkenntnis der ersten, nämlich, dass das Grundproblem für ewiges Wachstum in den planetaren Grenzen unseres Planeten liegt. Diese Grenzen könnten sogar noch früher erreicht werden, als die Studie von 1972 annahm. Der UN-Klimarat warnt, wenn wir nicht bereits in den nächsten acht bis zehn Jahren den Ausstoß von Treibhausgasen stark reduzieren, könnte die erhitzte Erde bereits vor dem Ende des Jahrhunderts in weiten Teilen unbewohnbar werden. In der Medizin trägt unendliches Wachstum einen anderen Namen: Krebs. Er lässt sich heilen oder zumindest häufig eine Zeitlang begrenzen, indem Tumorzellen bekämpft und das Immunsystem gestärkt werden. In der Wirtschaft gleichen transnationale Konzerne solchen Krebszellen, deren juristische Form der Aktiengesellschaft ewiges Wachstum zwingend vorschreibt. Ihre Vorstände sind verpflichtet, größtmögliche Gewinne für ihre Aktionär*innen herauszuholen – machbar nur durch maximale Ausbeutung von Natur und Menschen. Auf deren 46 ZWEI2022

Text von Ute Scheub Illustration von Kat Menschik Kosten werden ihre superreichen Eigentümer*innen noch reicher, auch in Krisen und Kriegszeiten. Während der Pandemie sanken die Einkommen der Ärmsten der Welt weiter, so die Hilfsorganisation Oxfam, derweil die zehn reichsten Männer der Welt ihr Vermögen seit 2020 verdoppelten. Der Reichtum von Bill Gates wuchs um etwa 30 Prozent, der von Tesla-Chef Elon Musk um über 1.000 Prozent. Nun kann niemand nachts im Silicon Valley einbrechen und wie Robin Hood den Reichtum von Microsoft und Tesla unter die Armen verteilen. Bürger*innen und Politiker*innen aus aller Welt können jedoch fordern, dass die juristische Form von Unternehmen ans Gemeinwohl gebunden wird und/ oder ihre Eigentümer hohe Steuern zahlen müssen. Nicht vorstellbar? Doch: In der Weltwirtschaftskrise nach 1930 haben die USA ihre Vermögenden um bis zu 90 Prozent besteuert und damit Massenerwerbslosigkeit und Faschismus verhindert. Und wir könnten natürlich die entsprechenden Produkte meiden und stattdessen Open-Source- Programme kaufen und mit Solarautos und E-Bikes fahren. Und wie lässt sich die Widerstandskraft des Systems Erde stärken? Global kümmern sich Millionen zivilgesellschaftlicher Gruppen um Menschenund Naturrechte. Die Menschen in diesen Gruppen unterstützen unter anderem Formen der regenerativen Wirtschaft und Landwirtschaft, die keinen Müll hinterlassen und mindestens genauso viel Ressourcen aufbauen, wie sie abbauen. Viele dieser Gruppen, vor allem indigene, handeln nach einem ebenso einfachen wie genialen Rezept: Gib so viel zurück, wie du der Erde entnommen hast. In Form von Fürsorge, Zuwendung, natürlichem Dünger, Humusaufbau, Wiederaufforstung, Wiederbegrünung, Landschaftserhalt, Recycling, Dankbarkeit. Ein Rezept, mit dem auch das Klima im Gleichgewicht bleiben könnte. Die indigene US-Autorin Robin Wall Kimmerer stellt in ihrem Buch „Geflochtenes Süßgras – die Weisheit der Pflanzen“ Grundregeln einer „Ehrenhaften Ernte“ auf. Etwa: „Nimm nur, was du brauchst. Ernte so, dass du möglichst wenig Schaden anrichtest. Nutze es respektvoll. Verschwende nie, was du genommen hast. Teile. Hinterlasse ein Gegengeschenk für das, was du genommen hast. Erhalte die, die dich erhalten, und die Erde wird für immer bleiben.“ Und sie fragt: „Wie wäre es, wenn die Ehrenhafte Ernte zum allgemeinen Gesetz erhoben würde?“ Das Resultat wäre eine weltweite regenerative Wirtschaftsweise, die die Erde wieder ergrünen ließe. Die Artenvielfalt würde sich wiederbeleben statt Jahr um Jahr zurückzugehen. Eine relokalisierte Gemeinwohlökonomie mit viel Eigenversorgung und Zeitwohlstand könnte entstehen. Eine echte Kreislaufwirtschaft, bei der jeder Abfall Ausgangsstoff für das nächste Produkt wäre. Kat Menschik arbeitet bereits seit 1999 als freiberufliche Illustratorin in Berlin. Die studierte Kommunikationsdesignerin zeichnet für Zeitungen, Magazine und Buchverlage, unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Seit 2016 veröffentlicht Kat Menschik mit „Klassiker der Weltliteratur“ ihre eigene Buchreihe im Berliner Galiani-Verlag. Kat Menschik illustrierte Bücher von Enn Vetemaa und Haruki Murakami. ZWEI2022 47

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